Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein
   
 

 

Musikalische Glücksmomente
Arthur Hornig (Cello) und Julia Golkhovaya (Klavier) begeistern beim Museumskonzert der Brahms-Gesellschaft

Dass Johannes Brahms glückliche Sommermonate in der Schweiz verbrachte, als er seine Sonate für Violoncello und Klavier F-Dur op. 99 schrieb, hört man in der Musik. Glücksmomente gab es auch am Sonntag beim Saisonabschlusskonzert der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein, als Arthur Hornig (Cello) und Julia Golkhovaya (Klavier) diese zweite Brahms-Sonate auf der Museumsinsel Lüttenheid spielten.

Die beiden Stipendiaten des Deutschen Musikwettbewerbs musizieren erst seit gut einem Jahr zusammen, doch einem solch' emotionalen Gleichklang zweier Interpreten begegnet man nur selten. Sie scheinen nicht nur eins mit der Musik zu werden, sie verschmelzen – auch hinsichtlich des Ausschöpfens der klanglichen Möglichkeiten ihrer Instrumente – zu einem einzigen Klangkörper. Das mag zum einen daran liegen, dass das Repertoire des Abends zu den bedeutsamsten und meistgespielten kammermusikalischen Werken für Klavier und Cello gehört, an denen sich jeder Instrumentalist messen lassen muss; zum anderen gehören die Sonaten von Beethoven und Brahms sowie die Fantasiestücke von Schumann zu den „innig geliebten“ Stücken der jungen Musiker.
Wunderbar leicht, poetisch und befeuernd im Zwiegespräch legen die beiden Künstler zunächst Schumanns drei Fantasietücke op. 73 dar. Je weiter der Abend fortschreitet, desto dichter verspinnen sich die musikalischen Fäden zu einem Klanggebilde von hoher Intensität und Intimität.
Was den 24jährigen Solocellisten der Deutschen Oper Berlin und die deutsch-russische Pianistin verbindet, sind nicht nur die Energie und das spieltechnische Können, sondern auch die Hingabe der kammermusikalischen Dialoge. Da wirkt keine Note langweilig, kein Pianissimo verpufft, kein Crescendo ins Leere getrieben. Hier stimmt das Zusammenspiel bis ins kleinste Detail, wenn etwa Hornig eine rasche Spielfigur seiner Partnerin mit herrlichem Celloton auffängt und sie dann ganz organisch weiterführt.
Nachdem Schumann durch seine Poesie entzückt hat, begeistern Beethoven durch betörende Leidenschaft und Brahms durch inneres Feuer, welche das Cello mit seinem tiefen, glühenden Gesang beschwört. Und zum Schluss geben die beiden dem Affen noch Zucker mit dem dritten Satz aus Astor Piazzollas „Grand Tango“.
                                                                                                                                                                                                    Andreas Guballa

Mit den Brahms-Wochen 2012 startet der nächste Konzertreigen der Brahms-Gesellschaft ab dem 22. April. Den Auftakt machen Christian Quadflieg (Rezitation) und Ekaterina Doubkova (Klavier) auf der Museumsinsel Lüttenheid.

Arthur Hornig und Julia Golkhovaya


Virtuose Tastentänze
Motoi Kawahima vereint beim Adventskonzert der Brahms-Gesellschaft Technik und Emotion

Im nächsten Jahr feiert die Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein 25jähriges Jubiläum. In dieser Zeit ist viel passiert. Aber eine Konzertverzögerung durch einen defekten Treppenlift wird wohl einmalig in den Annalen des Vereins bleiben. Eine durchgebrannte Sicherung löste den Alarm – ein hochfrequentiges Piepsen - beim Behindertenaufzug auf der Museumsinsel Lüttenheid aus, der erst nach 15 Minuten durch den richtigen Dreh beendet werden konnte. Dieser Zwischenfall tat der Konzentration des Pianisten Motoi Kawahima aber offenbar keinen Abbruch, der im Laufe des Abends mit ausbalanciertem Programm, einwandfreier Technik und blitzschnellen Fingern beeindruckte.

Der Japaner kam nach seinem Konzertexamen in Tokio nach Europa, um sich in Weimar und Berlin sowie in zahlreichen Meisterkursen bei den ganz Großen seiner Zunft den letzten künstlerischen Schliff zu holen. Seitdem konzertiert er in den bedeutendsten Sälen und arbeitet mit renommierten internationalen Orchestern und Dirigenten. Klassikkenner der Region war der 38jährigen noch von der Klaviersommernacht im letzten Jahr bekannt, bei der er mit einer Stückauswahl auf sich aufmerksam machte, die ihren Ursprung in der Ballettmusik haben. Bevor der Pianist im März als Professor an die Musikhochschule Tokio in sein Heimatland zurückkehrt, gab's nun noch einmal die letzte Chance ihn in Heide spielen zu hören.

An den Beginn seines Auftritts stellt er Mozarts Klassikhit, den „Türkischem Marsch“, und demonstriert mit virtuosen Tastentänzen eindrucksvoll seine Fähigkeit, kraftvoll angelegte Klavierläufe, mit romantischen Passagen voller Feinheit und Tiefgang zu verknüpfen.
Intensive Kontraste prägen Kawahimas Interpretation von Chopins „Polonaise-Fantasie in As-Dur op. 61“. Mit Nachdruck und Leidenschaft entfaltet er das emotionale Spektrum der Musik, ohne dabei in äußerliches Pathos zu verfallen. Sein ausdrucksvolles, zugleich aber tief verinnerlichtes Spiel vermittelt den Eindruck, einem Zwiegespräch zwischen Interpreten und Komponisten zu lauschen.
Als veritabler Klavierpoet entpuppt sich Kawahima nach der Konzertpause. Da werden Ravels Miniaturen „Valses nobles et sentimentales“ zu fantasiereichen Tänzen leichter Art und mit Schuberts „Wandererfantasie“, einem temperamentvollen, über weite Strecken heiteren Klavierwerk des großen Romantikers, führt der Japaner die Zuhörer musikalisch über Berg und Tal, durch wild zerklüftete Schluchten und reißende Gebirgsbäche, vorbei an romantischen Weilern und saftigen Weiden.
Mit Poulencs „Hommage an Edith Piaf“ und Schumanns „Träumerei“ belohnt der Solist das begeisterte Publikum reichlich mit Zugaben und stellt sich beim anschließenden Künstlertreff im Brahmshaus noch den interessierten Fragen der Fans über die Situation in Japan nach der Nuklear-Katastrophe sowie seiner künstlerischen Zukunft.

Pianist Motoi Kawahima
Pianist Motoi Kawahima. Foto Guballa


angeregte Pausengespräche
jung und alt begeistert
KÜnstlertreff

Impressionen vom Adventskonzert mit Motoi Kawahima. Fotos Guballa


Musikgenuss hoch drei
Das Trio Christian/ von Gutzeit/ Achkar eröffnet Reihe der Museumskonzerte auf Lüttenheid

Es gibt Ensembles, die ein halbes Leben lang gemeinsam musizieren, immer in derselben Besetzung. Es gibt auch Musiker, die ihren eigenen Weg gehen, und sich hin und wieder mit Gleichgesinnten treffen, um gemeinsam ein Projekt zu erarbeiten. Welche Richtung das Trio Christian/ von Gutzeit/ Achkar einschlagen wird, ist noch ungewiss, denn die drei jungen Musikerinnen haben sich erst vor kurz gefunden – ganz zeitgemäß als Klaviertrio gecastet vom Deutschen Musikrat. Am Sonntagnachmittag eröffneten sie die neue Konzertreihe der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein auf der Museumsinsel Lüttenheid (ehemals Postelsoirée).

Sarah Christian (Violine), Konstanze von Gutzeit (Violoncello) und Sonia Achkar (Klavier) sind jede für sich bereits von zahlreichen Jurys ausgezeichnet und besitzen Solisten-Qualitäten; als Trio bieten sie musikalisch wie optisch einen Genuss hoch drei. Über den Sommer haben sich die Stipendiatinnen kennengelernt, musikalisch zusammengefunden und vier Konzertprogramme entwickelt, mit denen sie nun ein Jahr lang bei den „Konzerten Junger Künstler“ in ganz Deutschland gastieren werden. Nebenbei warten Solo-Verpflichtungen und die Fortsetzung des Musikstudiums.

Unter dem Motto „Geisternacht“ präsentierten die drei Amazonen in Heide vor ausverkauftem Saal zwei Klassiker der Klaviertrioliteratur, Beethovens „Geistertrio“ und Dvoraks „Dumky Trio“, die zwei Werke bedeutender ungarischer Komponisten des 20. Jahrhunderts umrahmen: Kodálys Duo für Violine und Violoncello sowie Ligetis Sonate für Violoncello solo.
Das Spiel der drei Musikerinnen wirkt außerordentlich impulsiv und frisch. Jeder Takt der Musik wird aus einem spontanen Erleben heraus gespiesen, und doch harmonieren sie im feinen Zusammenspiel. Achkars klares, fein perlendes Klavierspiel begleitet die beiden Streicherinnen einfühlsam, drückt sie niemals akustisch an die Wand. Die bedanken sich dafür mit überraschend fahl-geheimnisvollen Zwischentönen, beweisen aber auch Temperament mit glutvollem Spiel, insbesondere bei Dvoraks beliebtem „Dumky Trio“ mit volkstümlichem Einschlag, das zwischen Schwermut und Ausgelassenheit pendelt und dessen Intensität selbst dem größten Gefühlsmuffel das Herz auftaut. „Ein gelungener Auftakt der neuen Konzertreihe“, war sich das Publikum einig. „So wünscht man sich Kammermusikabende!“ Andreas Guballa

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v.l. Sarah Christian, Sonia Achkar, Konstanze von Gutzeit. Foto Guballa


Ein Weltstar in Dithmarschen
Brahms-Preisverleihung an Anne-Sophie Mutter

Wesselburen - Sie war Karajans Wunderkind und hat seitdem alles erreicht, was eine Geigerin erreichen kann: Anne-Sophie Mutter. „In großer Ehrerbietung vor ihrer seit Jahrzehnten leuchtenden instrumentalen Meisterschaft, in Würdigung der Ausstrahlung ihrer künstlerischen Persönlichkeit und ihrer Menschlichkeit sowie in Dankbarkeit für ihre weltweit anerkannte und Maßstäbe setzende Interpretationen auch der Werke von Johannes Brahms“ ist dem Weltstar nun am Freitagabend in Wesselburen der mit 10 000 Euro dotierte Brahms-Preis der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein mit Sitz in Heide verliehen worden.

Der Brahms-Preis ist für uns in Schleswig-Holstein die ideale Möglichkeit, um Ihnen unsere hohe Wertschätzung auszudrücken“, gratulierte Kulturminister Dr. Ekkehard Klug der Brahms-Preisträgerin. Ausgezeichnet werde eine „große Künstlerin, einfühlsame Brahms-Interpretin und Persönlichkeit“, betonte der Minister.

Der Brahms-Preis wird seit 1988 von der Brahms-Gesellschaft verliehen. Er würdigt Persönlichkeiten, die sich um die Pflege Brahms’scher Musik und des künstlerischen Erbes von Johannes Brahms verdient gemacht haben. Minister Dr. Klug: „Der Preis ist ein Bekenntnis zu einem kulturellen Raum und zu einer Landschaft, die Künstler immer wieder neu inspiriert.“

Anne-Sophie Mutter nahm den Preis sichtlich bewegt im Rahmen eines Festkonzerts in der bis auf den letzten Platz ausverkauften St. Bartholomäus-Kirche entgegen. Eine geweihte Stätte für die Brahms-Gesellschaft, so deren Vorsitzender Professor Eckart Besch: „Hier begann die Musik bei den Brahmsens, als vor fast 200 Jahren Johann Jacob Brahms, der Vater von Johannes Brahms, damals noch ein Jüngling in der Kirche ein und aus ging. Drei Jahre lang nahm er hier gezielten Unterricht beim damaligen Organisten. Die Berufsausbildung endete mit einem ordentlichen Lehrbrief. Welch ein Bogen der Beziehung, den wir schlagen zu heute.“

Auch Laudator Michael Russ, Stuttgarter Konzertveranstalter und Vorsitzender der Anne-Sophie Mutter Stiftung, schlug einen großen Bogen von den Anfängen der Karriere Mutters als „deutsches Mädchenwunder“, die ihren ersten Auftritt als 13jährige beim Festival in Luzern hatte, bis zur unbestrittenen Meisterschaft als Spitzengeigerin unserer Zeit.
Darüber hinaus habe es sich Anne-Sophie Mutter zur Aufgabe gemacht, junge hochbegabte Streicher-Solisten weltweit zu fördern. Im Herbst 1997 gründete sie deshalb den "Freundeskreis Anne-Sophie Mutter Stiftung e.V.". Im Rahmen dieser Institution werden die Stipendiaten nach ihren individuellen Bedürfnissen unterstützt: sei es durch Bereitstellung von Instrumenten, Vermittlung von Lehrern, Vorspieltermine bei Dirigenten, Stipendien. Zahlreiche arrivierte Künstler sind aus dieser Förderung hervorgegangen und bestätigen somit deren hervorragende Arbeit. Für ihren Besuch in Wesselburen hatte die 48jährige den jungen Russen Vladimir Babeshko mitgebracht, der das Publikum mit der Sonate Es-Dur op. 120, Nr. 2 von Johannes Brahms verzauberte. Die Brahms-Preisträgerin 2011, die sich selbst in der Tradition von Joseph Joachim und Dawid Oistrach sieht, bedankte sich mit einer musikalisch intimen und spannungsgeladen Interpretation von Brahms' berühmter Sonate Nr. 3 d-Moll op. 108; am Flügel meisterhaft begleitet von ihrem langjährigen Duo-Partner Lambert Orkis - zwei Koryphäen des Zusammenspiels, deren interpretatorische Kompetenz vom ersten Ton an bezaubert. Ein Genuss, Mutter und Orkis bei der künstlerischen Arbeit aus nächster Nähe beobachten zu dürfen. Mit Standing Ovations und vollständig vom Muttervirus befallen bedachten die zirka 1000 Besucher die Star-Geigerin und entlockten ihr als Zugabe "zur Abwechslung noch ein bisschen mehr Brahms", wie Mutter mit einem Schmunzeln sagte. Nach dessen höchst beschwingt vorgetragenem Ungarischen Tänzen Nr. 5 und Nr. 3, wechselten die Musiker ins Opernfach und ließen den Abend mit der "Meditation" aus der Oper "Thais" von Jules Massenet träumerisch ausklingen.


Anne-Sophie Mutter und Prof. Eckart Besch
Küsschen von der Brahms-Preisträgerin 2011
Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis
Bad in der Menge
Vladimir Babeshko bei der Brahms-Preisverleihung


Verliebt in die Bratsche

Seit 35 Jahren ist sie die Geigen-Virtuosin schlechthin, stand bereits auf allen großen Bühnen der Welt und überzeugt mit ihrem Ausnahme-Talent. Für ihre künstlerische Leistung wird Anne-Sophie Mutter am 8. Juli in Wesselburen mit dem Brahmspreis 2011 der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein ausgezeichnet. Mit ihr zusammen wird der russische Bratschist Vladimir Babeshko das Preisträgerkonzert gestalten. Der 27jährige ist als erster Bratschist Stipendiat des Freundeskreises der Anne-Sophie Mutter Stiftung. Diese Stiftung hat bereits Klassikstars wie Arabella Steinbacher und Daniel Müller-Schott gefördert. Andreas Guballa sprach mit dem Nachwuchs-Solisten.

Sie haben in einem Alter begonnen Musik zu machen, als andere Jungen lieber Fußball spielten statt ein Instrument zu lernen. Wann war klar, dass Sie Solist werden wollen?

Ich wollte schon immer auf der Bühne stehen und für die Menschen Musik machen. Mit vier Jahren habe ich das erste Mal mit meiner Mutter darüber gesprochen und mir seitdem keine Sorgen machen müssen, dass es nicht klappen könnte. Ich habe es auch nie bedauert zu üben statt Fußball zu spielen.

Sie haben mit sechs Jahren angefangen, Geige zu spielen und sind dann mit 13 Jahren zur Bratsche gewechselt. Warum?

Der Klang hat mir besser gefallen; dieser warme, tiefere Ton. Ich habe später immer wieder versucht, diesen Ausdruck auf der Geige hinzubekommen, aber es hat mich nicht befriedigt. Und als ich dann Konzerte und Aufnahmen von Maestro Yuri Bashmet gehört habe, war ich endgültig in die Bratsche verliebt.

Sind Sie stolz darauf, als erster Bratschist Stipendiat des Freundeskreises der Anne-Sophie Mutter Stiftung zu sein?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich bin einfach glücklich, mit Frau Mutter zusammenarbeiten zu können.

Wie wird man Stipendiat der Stiftung?

Man muss sich bewerben, später vorspielen und mit Glück wird man ausgewählt. Ich weiss, dass Anne-Sophie Mutter sich persönlich jede Bewerbungs-DVD anschaut und die Musiker zum persönlichen Vorspielen einlädt.

Wie oft treffen Sie sie dann persönlich?

Das ist unterschiedlich. Ich bin einfach froh und glücklich, dass ich ihr vorspielen durfte. Und im März habe ich mit ihr und anderen Stipendiaten eine Kammermusik-Tournee gemacht. Außerdem kann man sich immer melden, wenn man eine Idee oder Fragen hat.

Was lernen Sie von Frau Mutter?

Die Ideen und Inspirationen, die sie hat, sind einfach toll. Man lernt beispielsweise wie man nach einem anstrengenden Flug im Konzertsaal sofort sein Bestes geben kann; wie man immer positiv denkt und freundlich ist.Auch im Umgang mit Journalisten und dem Publikum lernt man viel von ihr. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Energie sie hat. Nach der Tournee waren wir alle sehr erschöpft, nur Frau Mutter hätte gern noch eine Woche länger mit uns zusammengespielt.

Gibt es weitere Vorteile als Stipendiat?

Ich bekomme ein monatliches Stipendium, so dass ich mich weiter um meine Karriere als Solist kümmern kann. Außerdem zahlt die Stiftung Reisekosten, Hotelübernachtung und Meisterkursgebühren. Daneben organisiert Anne-Sophie Mutter das Vorspielen bei Dirigenten und vermittelt uns an Konzertagenturen. Diese persönliche Unterstützung von ihr ist sehr wichtig für uns Stipendiaten, denn sie ist ein Vorbild und immerhin eine der besten Musikerinnen der Welt.

Was braucht man heutzutage auf dem Musikmarkt, um Erfolg zu haben?

Bei Anne-Sophie Mutter reicht es, das Beste zu geben. Für uns junge Künstler muss noch viel Glück dazu kommen und die Konzentration auf die Musik.

Wie wichtig ist das Auftreten in der Öffentlichkeit und der Presse bei der Vermarktung als Künstler? Im Gegensatz zu Ihrem Bratschisten-Kollegen Nils Mönkemeyer scheinen Sie eher ein ruhigerer Typ zu sein.

Ich glaube, man darf keine Rolle spielen, sondern muss ganz authentisch sein. Dann wird man auch so akzeptiert wie man ist.

Was sind Ihre bisherigen musikalischen Highlights?

Im September 2010 war ich mit Anne-Sophie Mutter auf Tournee in Russland und wurde dort Valery Gergiev vorgestellt. Ihm durfte ich später auch vorspielen. Auch die Europa-Tournee im März mit den anderen Stipendiaten war fantastisch. Es war sehr lehrreich, sich jeden Tag auf einen neuen Konzertsaal einstellen zu müssen und frisch, energievoll und wach zu spielen.

Wie würden Sie Ihren momentanen künstlerischen Standort beschreiben?

Ich möchte meine Musik mit den Menschen teilen und mich immer weiterentwickeln. Ich glaube, ich bin auf einem guten Weg.

Es gibt Menschen, die meinen, ein gebürtiger Russe würden einen russische Komposition anders spielen als beispielsweise einen Brahms. Stimmt das?

Natürlich liegt mir ein Schostakowitsch oder Schnittke näher als ein deutscher Komponist. Aber deshalb ist Brahms nicht unbedingt schwerer für mich, sondern einfach anders. Im Zusammenspiel mit anderen Musikern lernt man aus deren Interpretation und entwickelt solche Stücke für sich weiter.

Hören Sie in Ihrer Freizeit auch klassische Musik?

Nein, ich höre überhaupt keine Musik.

Was können Sie als 27jähriger dafür tun, Gleichaltrige für Klassik zu begeistern?

Man muss ihnen die Angst vor einem Konzert nehmen. Viele glauben, man muss sich mit der Musik auskennen und gut gekleidet ins Konzert gehen. In kleinem Rahmen kann man über die Musik sprechen und mit dem Publikum kommunizieren, um diese Hemmungen abzubauen.

Was sind Ihre nächsten Pläne und Herausforderungen?

Ich freue mich schon sehr bei der Brahmspreis-Verleihung zusammen mit Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis spielen zu dürfen. Zusammen mit anderen Stipendiaten gibt es im Sommer dann ein Konzert beim Verbier Festival.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

In Russland sagt man, es bringt Unglück darüber zu sprechen. Daher schweige ich lieber zu dieser Frage.

Das wollen wir natürlich nicht riskieren. Viel Erfolg für Ihre Zukunft und danke für das Gespräch.


Bratschist Vladimir Babeshko
Bratschist Vladimir Babeshko. FotoUlrich Schepp


Fest der Tasten und Töne
Sommer-Klaviernacht bietet Kunstgenuss auf höchstem Niveau

Was für ein Fest der Tasten und der Töne! Dort wo sonst Luxuswagen auf Käufer warten, herrschte festliche Stimmung und gespannte Erwartung bei den 250 Besuchern der Sommer-Klaviernacht der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein im Glaspavillion von Nord-Ostsee-Automobile Heide. Zu Recht versprach der Vorsitzende, Professor Eckart Besch, einen Kunst-Genuss der Sonderklasse. In drei Konzertabschnitten boten vier Klavierkünstler ein abwechslungsreiches Programm klassischer und moderner Stücke und zogen das Publikum in ihren Bann. Für sinnlich-kulinarische Genüsse in den Pausen sorgte das Catering Team der „Erheiterung Böhe“. „Eine Bereicherung des Heider Kulturlebens,“ war sich Regina Cornelius am Ende des Abends mit allen Anwesenden einig.

Blitzsauber, artikuliert mit einer glasklaren musikalischen Intelligenz ging Miao Hung gleich mit einer selten gespielten Rarität an den Start des Konzertmarathons, der Busoni-Bearbeitung von Bachs "d-Moll-Chaconne". Die frisch gebackene Gewinnerin des Deutschen Musikwettbewerbs verzauberte das Publikum mit ihrem Gespür für die Architektur dieser Komposition. Johannes Brahms Klavierstücke op. 119 ging die junge, zierliche Deutsch-Chinesin dann mit einer Unaufgeregtheit und Ruhe an, als wolle sie sich als Exegetin eigentlich unsichtbar machen. Dass Huangs Spiel flüssig, unsentimental und von großer Klarheit ist, zeigte sich auch bei Ligetis "Etude Nr. 4 Fanfares" und Chopins "Scherzo Nr. 3 cis-Moll op.39", mit denen die Künstlerin den wunderbaren Steinway-Flügel an diesem eindrucksvollen Abend auf herrliche Weise zum Klingen brachte. „Inspirierend“ schwärmte Jana Fiebelkorn, Klavierschülerin der Dithmarscher Musikschule.

Nach der Pause loteten Barbara und Sebastian Bartmann dann zunächst die unterschiedlichen Klangwelten Johannes Brahms' aus. Mit einem diffizilen Anschlag, einer frappierenden Elastizität und Geschmeidigkeit des Spiels verstand es das Ehepaar die herben Kontraste zwischen sakraler Innigkeit („Elf Choralbearbeitungen op. posth. 122“) und weltlicher Verspieltheit („Ungarische Tänze“) seiner Kompositionen in einer eigenen Bearbeitung für Klavier zu vier Händen klingen zu lassen. Dass das Zusammenspiel hinter der Bühne genauso harmonisch funktioniert wie auf der Bühne, beweist der dreieinhalbmonatige Elias als musikalischer Nachwuchs.

Mit der Eigenkomposition "Liquid Moods" von Sebastian Bartmann servierte das Duo zum Abschluss dieses Konzertblocks akustische Cocktails, die zu Erlebnisbildern inspirieren sollen. Vierhändig werden hier die New Yorker Großstadthektik, aber auch die Einsamkeit in der großen Stadt beschrieben, Trauertöne und Zeitebenen gemischt und mit südamerikanischen und Jazz-Rhythmen zur Beach-Party eingeladen. Keith Jarrett lässt grüßen. „Das hätte Brahms gefallen“ so das Urteil von Klassikfan Peter Gill.

Noch einen Schritt näher heran an die Kunst des intensiven Zuhörens führte abschließend Oliver Kern. Dank der Videoprojektionen auf zwei Leinwände konnte das Publikum nicht nur hören, sondern fasziniert auch dabei zuschauen, wie der 41jährige Solist mit sich und dem vielfältigen Klavierkosmos aus drei Jahrhunderten eine Welt offenbarte und doch mit sich allein war.

Zunächst spielte Oliver Kern die selten gespielte "Fantasie in H-Dur" von Beethoven mit einer pianistischen Bravour sondergleichen. Bestechend die mitreißende Spontanität und Wucht seines Vortrages in den eruptiven Akkordfolgen und rasanten Läufen, aber auch die tiefe Beseeltheit in der Gestaltung der melodischen Sequenzen. In der nachfolgenden Interpretation von Brahms "Klavierstücken op. 118, 1-3" setzen virtuose Akkord-Figurationen elegant-ironische Glanzpunkte. In vorwärtsdrängenden Linien und dahin fließender schwellender Sinnlichkeit, jedoch ganz ohne Schwülstigkeit, von vibrierenden Tremoli durchsetzt, kostete Kern die klangüppige "Fantasie h-Moll op. 28" von Skrjabin aus, ein Wunderwerk an durchsichtiger Klangmalerei angesichts der komplexen Harmonik und dichten Textur. Nach dem zeitlosen Ohrwurm-Klassiker, Gershwins "Rhapsody in Blue", hätte es kaum einer Zugabe bedurft. Doch Kern verwöhnte das begeisterte Publikum noch mit einer Schumann-Bearbeitung von Liszts "Widmung".





Die Künstler der Sommer-Klaviernacht
v.l.: Miao Huang, Barbara und Sebastian Bartmann, Oliver Kern. Foto/Text: Andreas Guballa
                          





Musiker aus Leidenschaft
Weltklassepianist Oliver Kern spielt bei der Klavier-Sommernacht

"Subtil und präzise, aber dennoch beseelt und temperamentvoll" umschreibt die Süddeutsche Zeitung das Spiel von Oliver Kern. Das schien auch die Jury des ARD-Wettbewerbes zu überzeugen. Dem 2. Preis in München - ein erster wurde nicht vergeben - schloss sich der 1. Preis beim Internationalen Beethoven-Wettbewerb Wien an, den er als erster Deutscher überhaupt gewinnen konnte. Dies war ein weiterer Höhepunkt in der an Erfolgen nicht eben armen Karriere des heute 41jährigen: Mehr als ein Dutzend Mal reüssierte Kern bei internationalen Konkurrenzen und ist mittlerweile als Solist auf den Bühnen dieser Welt zuhause. Neben seiner Karriere als Pianist lehrt Oliver Kern seit 2008 an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg als Professor für Klavier. 

Am 28. Mai spielt er zum Abschluss der Sommer-Klaviernacht der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein im Pavillion der Nord-Ostsee-Automobile in Heide. Ein Interview mit dem Pianisten über musikalische DNA und die Faszination für Johannes Brahms.

Herr Kern, gab es ein prägendes Erlebnis, das Sie zum Klavier spielen gebracht hat?

Mein Vater war Klavierlehrer und ich soll mich während des Unterrichts immer ins Zimmer geschlichen haben, um unterm Flügel wohlig einzuschlafen. So hat sich mein Interesse an der Musik wohl zum ersten Mal bemerkbar gemacht. Mit vier Jahren habe ich mich dann selbst an den Flügel gesetzt und auf dem heimischen Instrument spielen gelernt. Im Alter von sieben Jahren wurde ich zu Jugend musiziert geschickt, wo ich gleich einen ersten Preis gewonnen habe; und so hat sich das langsam weiterentwickelt.

Es gibt Fachleute, die vertreten die Meinung, jeder Musiker hat einen eigenen, unverwechselbaren Klang wie eine DNA. Wie würden Sie Ihren Klang beschreiben?

Das ist ein Klischee, das nur bis zu einem gewissen Grad stimmt. Ich mag eher einen dunklen, warmen Klang, was damit zu tun haben kann, dass ich Linkshänder bin. Daher bin ich auch absoluter Brahmsfan. Ich könnte mein ganzes Leben mit Brahms verbringen. Aber die Kunst ist es ja, diesen eigenen Klang jedem Komponisten anzupassen. Natürlich fühlt man sich aber bei bestimmten Komponisten besonders wohl. Bei mir sind das neben Brahms noch Beethoven und Schumann.

Johannes Brahms' Klavierkompositionen haben Sie mehrfach komplett auf Festivals aufgeführt. Was faszinatiert Sie an diesem Komponisten mit Dithmarscher Wurzeln?

Ich bin eigentlich durch Zufall auf ihn gestoßen. Auf Anhieb hat mich seine Musik gepackt und ich hatte sehr schnell einen Zugang dazu. Ich fühle mich bei der Beschäftigung mit Johannes Brahms einfach sehr wohl. Seine Klangwelt ist etwas, was mich wahnsinnig begeistert.

Entdecken Sie manchmal noch Neues an seinen Kompositionen?

Glücklicherweise jedes Mal. Man sollte niemals von sich behaupten, man versteht ein Stück komplett. Das ist wie beim Brunnengraben: je tiefer man gräbt, auf desto mehr Wasser stößt man. So ein Musikstück ist wie ein Lebenspartner. Man entwickelt sich weiter, verändert sich und entwickelt einen anderen Blick.Dann ist es sehr beglückend auf neue Details zu stoßen. Das passiert manchmal beim Üben, aber viel öfter auf der Bühne. Die 150 Prozent Konzentration, die man dort hat, lassen einen noch tiefer ins Werk blicken. Man sollte also eine Partitur aufschlagen und jedes Mal so lesen, als ob man sie noch nie gesehen hätte.

Sie sind auf den Podien dieser Welt unterwegs. Was braucht ein Pianist, um erfolgreich zu sein?

Zuerst sollte man seinen Beruf als Berufung begreifen. Einen Job im Musikleben zu machen, geht meines Erachtens nicht. Sowas ist schnell zu merken. Denn man selbst ist nicht die wichtigste Person, sondern nur ein Medium und hat die Idee des Komponisten zu vertreten. Wenn man Musik aus rein finanziellen Gründen betreibt oder um sich zu profilieren, dann funktioniert das alles nicht. Die Liebe zur Musik ist das Entscheidende. Natürlich ist es auch harte Arbeit und man muss die Bereitschaft mitbringen, ständig dazu zu lernen.

Ist es nicht der einsamste Job der Welt, allein auf der Bühne zu sein, obwohl man von tausend, zweitausend Paar Augen beobachtet wird?

Ja und Nein. Es gibt diese einsamen Momente. Aber ich spiele ja nicht ausschließlich Solorepertoire. Für mich ist Kammermusik genauso wichtig. Dabei lernt man klanglich sehr viel von den anderen Instrumenten, man lernt auch einen Komponisten kompletter kennen. Sowohl musikalisch als auch menschlich muss da die Chemie stimmen, daher ist es so schwer, gute Kammermusikensemble zu gründen. Und mit Orchester zu spielen ist für mich eigentlich die größte Form der Kammermusik, denn ich stehe ständig mit den Soloinstrumenten des Orchesters in Verbindung.

Seit 2008 sind Sie Professor an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Was geben Sie dem musikalischen Nachwuchs mit auf den Weg?

Für mich ist das Forschen nach der Wahrheit sehr wichtig. Es gibt soviele Möglichkeiten etwas auszudrücken. Wichtig ist, dass sie ganz genau durchdacht sind. Meine Aufgabe besteht darin, die Studierenden zu fördern und zu fordern, sich eine eigene Meinung zu bilden, wie man an ein Werk herangeht. Sie sollen keine Kopie von mir werden.

Am 28. Mai sind Sie zu Gast bei der Klavier-Sommernacht. Worauf darf das Publikum sich freuen?

Es ist immer wunderbar dort zu sein, wo der Geist Johannes Brahms' zu spüren ist. Und ich kenne Heide schon aus Konzerten während meiner Studienzeit, als ich über ein Stipendium des Deutschen Musikrats dort spielen durfte. Das Programm am 28. Mai ist sehr rhapsodisch geprägt und hat einen Augenmerk auf einigen Fantasien. Darunter die faszinierende und abwechslungsreiche Fantasie op.77 von Beethoven, die einzige, die er schriftlich niedergelegt hat. Relativ wenig gespielt, obwohl es ein unglaublich schönes Stück ist, ist die Fantasie op 28. von Skrjabin. Natürlich darf Johannes Brahms nicht fehlen. Und meinen Auftritt beende ich mit der Rhapsodie in blue.

Interview: Andreas Guballa


Foto: Boun-Sook Koo


Thema Wasser schlägt musikalische Brücke zwischen Museen
Vater Wolfgang und Tochter Larissa Manz harmonieren bei den Brahms-Wochen

Heide - Die Geschichte Heides ist geprägt vom Wasser. Die Fischpumpe im Markt, der Wasserturm, aber auch die Dithmarscher Wasserwelt sind Zeitzeugen für den alltäglichen Gebrauch des nassen Elements früher und heute. „Wasser verbindet“ erklärte Adrian Hartke treffenderweise bei der Einführung in die von ihm konzipierte Ausstellung „WassErLeben“ auf der Museumsinsel Lüttenheid, die am vergangenen Sonntag im Rahmen der Museumstour 2011 eröffnet wurde. Am 17. April stellte das Thema Wasser nun eine musikalische Brücke her zum Brahmshaus in Laufweite des Ausstellungsortes. Anlässlich der Brahms-Wochen 2011 gestalteten Wolfgang Manz (Klavier) und Tochter Larissa (Violine) den Start zum Museums-Hopping zwischen den beiden Kulturinstitutionen. Unter dem Motto „Auf dem Wasser zu spielen“ standen Stücke auf dem Programm, von denen jedes in seinem Titel den Begriff Wasser trägt.

„Bei Vater und Tochter dürfen wir wohl ein besonders harmonisches Zusammenspiel erwarten.“ Diese Worte, mit denen der Vorsitzende der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein, Professor Eckart Besch, das Duo ankündigte, sollten sich schon bei der „Regenlied-Sonate“ von Johannes Brahms bewahrheiten. Es war nicht zu überhören und zu übersehen: Hier musizieren zwei bestens aufeinander eingestimmte Solisten. Brahms zitiert in seiner Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 G-Dur op. 78 Elemente aus einer Groth-Vertonung, die vom Regen erzählt. Das Duo Manz ließ die Sonate durchsichtig, sehnig und jugendfrisch klingen. Auch bei den folgenden Klavierstücken plätschert nichts dahin. Wolfgang Manz, der bereits vor mehreren Jahren zu Gast bei der Klavier-Sommernacht war, zeigte sich wie damals auch am Sonntag als klanggewaltiger Virtuose. Der Liszt-Bearbeitung des Schubert-Liedes „Auf dem Wasser zu singen“ verlieh er einen romantisch-verträumten Anstrich, während er bei den zwei Kompositionen aus Liszts „Années de Pèlerinage“ die richtige Interpretation findet mit feinem Gespür für leise Zwischentöne und einem sensiblen Tempobewusstsein. Mit Debussys „Poisson d'or“ (Goldfisch) gewährte der Professor für Klavier an der Hochschule für Musik Nürnberg-Augsburg einen kurzen Einblick in die Kompositionen des Impressionismus, in der es zahlreiche Anspielungen auf das Thema Wasser gibt.

Für den kräftigen Beifall bedankten sich Vater und Tochter noch einmal mit ihrem „harmonischen Zusammenspiel“ in Jules Massenets Klassik-Ohrwurm „Meditation“ aus der Oper „Thäis“, bevor das Auditorium zur Museumsinsel weiterzog. „Ein gelungenes Experiment“ waren sich die Besucher einig. „So stelle ich mir eine lebendige Kulturvermittlung vor“, begeisterte sich Regine Cornelius. „Das sollte man öfter machen“, ermutigte auch Elke Trieglaff-Grabe die Veranstalter.

Duo Larissa und Wolfgang Manz
Harmonisches Zusammenspiel: Vater Wolfgang und Tochter Larissa Manz. Text/ Foto Guballa

Zwei schlagkräftige Brüder
Spitzenduo Gerassimez zu Gast bei den Brahms-Wochen in Marne

Marne - Ein ungewöhnlicher Anblick bot sich den rund 200 Besuchern des zweiten Konzerts der Brahms-Wochen 2011 in der Maria-Magdalenenkirche in Marne. Im Altarraum waren neben einem Flügel ein Drum Set, eine Marimba, ein Vibraphon und allerlei anderes Schlagwerk aufgebaut. Doch wer von diesem Konzert für Percussion und Klavier befürchtete hatte, von Rhythmen überwältigt zu werden, wurde angenehm überrascht: Tonalität, Klang und konzertante Strukturen spielen bei den Brüdern Alexej und Nicolai Gerassimez eine durchaus gleichgewichtige Rolle. Mit ihrer hohen Virtuosität, für ihr Alter (23 und 25 Jahre) ungewöhnlichen Meisterschaft und der charmanten Bühnenpräsenz bescherten sie den Zuhörern einen außergewöhnlichen, kurzweiligen Konzert-Abend. Mit dem im Ruhrpott aufgewachsenen Brüderpaar hatte die Brahms-Gesellschaft wieder ein unvergleichbares Gespür für zwei junge Stars bewiesen, die am Beginn einer großen internationalen Karriere stehen. Unzählige Preise und Auszeichnungen begleiten die beiden jungen Musiker bereits auf ihrem Weg.

Zum Öffnen der Ohren stellten die Künstler Rimski-Korsakows „Hummelflug“ an den Beginn des Konzertabends. In jeder Hand zwei Schlagklöppel haltend, spielte Alexej Gerassimez das Instrument mit einer Hingabe, die das Publikum von Anfang an begeisterte. Im Stück „Famim2“ für Vibraphon, Marimba und Klavier hat Komponist Emmanuel Séjourné in Erinnerung an Chick Corea auf einen Reichtum an Formen und Farben in der Musik zurückgegriffen. Der 23jährige Schlagzeuger Alexej Gerassimez bestach durch eine technisch perfekte, virtuose Schlegeltechnik, mit der er schillernde Akkorde, rasante Läufe und lange Töne aus den Instrumenten holte. Sein zwei Jahre älterer Bruder Nicolai am Klavier hat es schwerer. Er steht gegen die Urgewalt des sinfonischen Schlagwerks etwas im Hintergrund. Doch auch sein Solospiel wirkte subtil, mit viel Seelentiefe und so rhythmisch genau wie das des Bruders am Schlagwerk, etwa bei vier kurzen Präludien von Shostakovich oder dem Solo „Paganini Jazz“ von Fazil Say. Die Schlagkräftigkeit von Alexej konnte nicht überzeugender als durch die eigene Komposition „Asventuras“ für Snare Drum bestätigt werden. Schier unglaublich verwob er die Rhythmen, entlockte dem kleinen Instrument alle nur erdenklichen Töne und Klänge. In Tobias Broströms „Arena“ setzte er zusätzlich das gesamte sinfonische Schlagwerk zu verwirrender Rhythmik ein. In Anbetracht der Virtuosität des Variationswerkes „Paganini Personal“ von Toshi Ichiyanagi, das auf der Grundlage einer Capricce für Violine in der Musikgeschichte von Brahms bis Lutóslawski vielfach Verwendung findet, sowie des diffizil-sinnlichen Maracas-Solo von Javier Alvarez konnte kein Besucher mehr Zweifel hegen, an diesem Abend etwas ganz Außergewöhnliches erlebt zu haben. Mit Richard Michaels „Jazzsuite“, deren ersten Satz man bei youtube von dem Duo nachhören kann, endete ein grandioser Abend.

Duo Gerassimez
Nicolai (li) und Alexej Gerassimez in der Maria-Magdalenen-Kirche in Marne. Text/Foto: Guballa

Auftakt der Brahms-Wochen mit dem Duo Staemmler

Heide (jek) Bei einem Popkonzert hätte es das Publikum von den Stühlen gerissen. Denn was das Duo Staemmler zum Auftakt der Brahmswochen mit Klavier und Violoncello anstellt, ist schlicht und einfach atemberaubend. Immerhin erntet das Brüderpaar lang anhaltenden und begeisterten Beifall. Der furiose Erkundungsritt durch die Kammermusik der Klassik und Romantik endet mit einem umjubelten Zugabe: dem Feuertanz von Manuel de Falla.

Zum ersten Mal starten die Brahmswochen im Veranstaltungsaal der Museumsinsel Lüttenheid. „Hier war früher der Drogenboden“, erinnert sich die Konzertbesucherin Heidi Theege. In jungen Jahren hat sie bei dem damals hier ansässigen Pharma-Großhandel ihre Lehre gemacht. Nun ist der hohe Raum also nicht mehr erfüllt vom Geruch heilender und vielleicht auch stimulierender Kräuter, die berauschende Wirkung von Tönen ist aber auch nicht zu unterschätzen. Für die Musik von Brahms, Beethoven und Chopin bietet der Raum das ideale Ambiente und eine hervorragende Akustik, wie Professor Eckart Besch namens der Brahms-Gesellschaft in seiner Begrüßung hervorhob. Mit der Verlegung der Konzerte von der Postelvilla in die Museumsinsel sorgen Brahms-Gesellschaft und Stadt dafür, dass hier an Lüttenheid das kulturelle Herz Heides noch einen Tick kräftiger schlägt.

In der Pause begutachten die Besucher mit neugierigem Interesse das renovierte Obergeschoss des zur Straße hin liegenden Stade-Hauses. Wie im Rest des Gebäudekomplexes werden im Stade-Haus Ziegelmauern und Balken nicht übertüncht, sondern hervorgehoben – ein architektonisches Bekenntnis zur früheren Nutzung. Denn auf Lüttenheid haben die Vorfahren nicht repräsentiert, sondern gearbeitet, ob am Schmiedefeuer oder im Pferdehandel.

Beim ersten Museums-Konzert liefern die Brüder Staemmler allerdings beides, sowohl Arbeit wie Repräsentanz: ihre Musik ist Schwerarbeit mit höchster Präzision und gleichzeitig eine repräsentative Visitenkarte für die Veranstalter. Die Brahms-Gesellschaft beweist mit der Verpflichtung der hoch dekorierten Brüder ihr Geschick, talentierte Nachwuchskünstler an sich zu binden. Hansjacob und Peter-Philipp Stammler sind unter anderem Preisträger des deutschen Musikwettbewerbes – und just in der vergangenen Woche erhielt diesen Preis auch die Pianistin Miao Huang, die am 28. Mai zur Klaviernacht der Brahmsgesellschaft nach Heide kommen wird.


Hansjacob (links) und Peter Philipp Staemmler: temporeich und präzise. Foto Werner Hajek


Dithmarscher Kulturpreis an Professor Eckart Besch verliehen

Heide (dh) Das Duo di Mar flutete den eher nüchternen Kreistags-Sitzungssaal mit wunderschöner Gitarren- und Flötenmusik, und die Blumen standen bereit: Am 18. März 2011 ist Professor Eckart Besch mit dem Kulturpreis 2010 des Kreises Dithmarschen ausgezeichnet worden.
Seit 1996 ist der national und international renommierte Pianist und emeritierte Hochschulprofessor Vorsitzender der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein, die ihren Sitz in Heide hat. In dieser Zeit führte Eckart Besch die Brahms-Gesellschaft aus ihrem Schattendasein heraus und hat sie "und ihre Konzerte auf dem Weltniveau verankert, das Johannes Brahms gebührt", würdigte Bernd Rachuth in seiner Laudatio den 1931 in Weimar geborenen Preisträger.
Professor Eckart Besch holte weltberühmte Künstler wie Thomas Quasthoff, Simone Young oder den Thomaner-Chor nach Dithmarschen. Als "kulturellen Leuchtturm der Region" bezeichnete Landrat Dr. Jörn Klimant den Preisträger und lobte dessen Fähigkeit, "sein Wissen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen zu können". Besch habe "berühmte Menschen in die Region geholt und hier Musik-Ereignisse" geschaffen. Auch die Ausnahme-Geigerin Anne-Sophie Mutter wird in diesem Sommer zur Verleihung des Brahms-Preises nach Dithmarschen kommen.
"Was das Ansehen der Brahms-Stadt Heide und der Brahms-Landschaft Dithmarschen angeht, so hat Professor Eckart Besch ihm in eineinhalb Jahrzehnten ein unverkennbar scharfes und leuchtendes Profil gegeben", sagte Laudator Bernd Rachuth, Chef des Boyens Buchverlages und Mitstreiter im Vorstand der Brahms-Gesellschaft. Der Vorsitzende Eckart Besch ist in Personalunion Intendant der jährlich stattfindenden Brahms-Wochen und der Postel-Soireen, Kurator des Brahms-Preises und Leiter des Brahms-Hauses in Heide. Rachuths Dank galt aber nicht nur dem Preisträger selbst. Seine Arbeit könne Eckart Besch nur deshalb so gut machen, "weil ihm mit Elisabeth Piening eine überaus tüchtige Kraft in der Geschäftsführung und seit langem auch in der gemeinsamen Lebensgestaltung zur Seite steht". Dass Besch Dithmarschen so lange treu geblieben ist, habe sie wohl auch erst möglich gemacht.
Der Träger des mit 3000 Euro dotierten Kulturpreises gestand gestern, dass es tatsächlich eine Zeit gab, "als ich nicht wusste, wo Dithmarschen liegt". 1996 bekam er einen Anruf vom damaligen Heider Bürgermeister Jan-Christian Erps. Dessen Bitte und Idee: Übernehmen Sie den Vorsitz der Brahms-Gesellschaft.
Besch sagte zu und wusste damals noch nicht, was er heute weiß: Er hatte "eine Aufgabe für einen ganzen Lebensabschnitt" übernommen. Schon beim Frühstück, verriet Eckart Besch dem Publikum, sei die Brahms-Gesellschaft oft ein Thema.
Mittlerweile weiß Eckart Besch nicht nur, wo der Kreis liegt: "Dithmarschen hat mich in den Griff genommen." Die Tiefe der Landschaft sei notwendig, um sich Brahms zu nähern. Allerdings hat Besch auch, wie er gestern sagte, "die Weite seines Horizonts und die Grenzen kennengelernt" - und jeder Zuhörer konnte sich Gedanken darüber machen, ob das nur geografisch gemeint war. Auf jeden Fall sei der Preis "eine große Ehre für mich und die Brahms-Gesellschaft - und Freude bereitet er mir auch".
Nach so viel Brahms beschloss das Duo di Mar den offiziellen Teil der Feier nicht mit Musik des in Hamburg geborenen Komponisten, sondern mit einem Tango von Astor Piazzolla. Und dann bat der Landrat ans leckere Büfett.

Foto: Dieter Höfer

Freude bei der Verleihung des Dithmarscher Kulturpreises (von links): Professor Eckart Besch, Elisabeth Piening, Landrat Dr. Jörn Klimant und Kreispräsident Karsten Peters. Foto: Höfer


Hier können Sie die Laudatio von Bernd Rachuth nachlesen.

 
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